
Ich glaube, die meisten von uns – egal welchen Geschlechts – sind sich einig: Niemand möchte in einer Welt leben, in der Menschen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden. Doch wenn ich als Frau versuche, über strukturelle Ungerechtigkeiten zu sprechen, erlebe ich oft eine Reaktion, die mich überrascht: Statt über die genannten Probleme zu diskutieren, wird mir erklärt, dass auch Männer leiden. Das ist zwar richtig – aber warum führt das im Anschluss so selten zu einem echten Gespräch?
Das Problem aus meiner Sicht: Es handelt sich um ein Todschlagargument. Einen „Red Herring“. Denn wenn ein Mann in solchen Gesprächen immer wieder betont, wie sehr auch Männer leiden und wie ungerecht sie oft behandelt werden, lenkt das schnell vom eigentlichen Thema ab. Es entsteht der Eindruck: „Wir haben doch beide unsere Lasten – also lass uns nicht über Verantwortung oder Unterschiede sprechen.“ Und: „Ich bin auch Opfer, und auf Opfer tritt man nicht.“ Ich fühle mich in solchen Situation schlicht mundtot.
Ich rede nicht von individuellen Erfahrungen, sondern von gut dokumentierten Ungerechtigkeiten: etwa der Lohnlücke bei gleicher Arbeit, den Hürden für Mütter im Beruf, der unsichtbaren Care-Arbeit, die meist Frauen leisten, oder der Darstellung von Frauen über 40 in Film und Fernsehen. Ja, es gibt Ausnahmen wie Judi Dench – aber die meisten Schauspielerinnen in diesem Alter bekommen Rollen als Mütter oder Großmütter, während ihre männlichen Kollegen oft noch als Hauptfiguren in Actionfilmen oder als mächtige Chefs zu sehen sind. Interessanterweise sind die Schauspieler, die ihre ‚Söhne‘ spielen, manchmal nur wenige Jahre jünger. Das zeigt: Es geht nicht um Einzelne, sondern um ein Muster, das uns alle betrifft – auch wenn es Männer und Frauen unterschiedlich trifft.
Kann man unter diesen Umständen noch ins Gespräch kommen? Ja, meistens schon. Allerdings dreht sich das Gespräch dann oft nur um die Erfahrungen des Mannes – etwa davon, wie er sich ungerecht behandelt oder übergangen fühlt. Die Perspektive der Frau wird dabei meist ausgeklammert. Stattdessen sucht er Verständnis für seine Sichtweise und für die schwierigen Dinge, die er im Umgang mit anderen erlebt hat.
Versuche ich, die strukturellen Benachteiligungen von Frauen erneut zur Sprache zu bringen, bekomme ich nicht selten zu hören: „Das kennen wir doch schon – wie oft sollen wir das noch besprechen? Bring mal ein neues Thema!“
Denn es ist doch so, dass Probleme sich in Luft auflösen, wenn man nur genug oft darüber spricht. Oder?