Blog 5 – Was, wenn alles bloss ein Traum ist?

Descartes (* 31. März 1596 in La Haye en Touraine; † 11. Februar 1650) gilt als der Begründer des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus. 1628/29 entstanden seine Meditationes de prima philosophia, in welchen er radikal alles anzweifelte, was der Mensch im Regelfall als gegeben annimmt.

Er beginnt mit der Sinneswahrnehmung:

«Nun habe ich alles, was ich bislang als ganz wahr habe gelten lassen, entweder von den Sinnen oder vermittelt durch die Sinne erhalten. Aber ich habe entdeckt, dass die Sinne zuweilen täuschen, und Klugheit verlangt, sich niemals blind auf jene zu verlassen, die uns auch nur einmal betrogen haben.» (Descartes, Erste Meditation)

Um sein obiges Zitat zu untermauern, beschreibt Descartes Täuschungs-Phänomene, die uns – unter anderem – durch die Distanz begegnen. Ist es Ihnen nicht auch schon einmal so ergangen, dass sie aus der Entfernung glaubten, etwas zu erkennen, aber je mehr Sie sich diesem Ding näherten, umso stärker waren Sie gezwungen einzusehen, sich getäuscht zu haben? Ich besinne mich beispielsweise etlicher Situationen, in welchen ich aus der Distanz davon überzeugt war, jemanden zu erkennen – bei näherer Betrachtung jedoch zum Schluss kommen musste, dass es sich um eine mir unbekannte Person handelte.

Doch Descartes gibt an dieser Stelle seines Radikalen Zweifels mitnichten auf. Er zweifelt weiter:

«Aber obwohl uns die Sinne zuweilen bei winzigen und weit entfernten Dingen täuschen, so gibt es gleichwohl doch manches andere, an dem schlichtweg nicht gezweifelt werden kann, obwohl es aus ihnen [den Sinnen] geschöpft wird: wie etwa, dass ich jetzt hier bin, beim Feuer sitze, mit einem Wintermantel bekleidet bin, dieses Papier mit meinen Händen berühre und dergleichen.» (ibidem)

Obwohl Descartes uns hier für einen winzigen Moment in der Annahme lässt, er wolle der Aussenwelt, den materiellen Dingen, der Res Extensa, tatsächlich eine wahrhaftige Existenz zugestehen, verwirft er jenen kurzen Moment der Hoffnung jedoch sogleich wieder mit seiner These, es könnte alles bloss ein Traum sein:

«Wie oft nämlich bin ich nachts im Schlaf von eben solchen Alltäglichkeiten überzeugt, wie etwa, dass ich hier bin, einen Mantel trage, beim Feuer sitze – während ich doch entkleidet im Bett liege!» (ibidem)

Auch vor dem eigenen Körper macht Descartes nicht halt, selbst dieser könnte bloss eine Ausgeburt unserer Einbildung sein. Bei Disziplinen wie der Arithmetik und der Geometrie hält er jedoch inne:

«Denn ob ich nun wache oder schlafe: zwei und drei miteinander addiert ergeben fünf, und das Quadrat besitzt nicht mehr als vier Seiten; und es scheint ganz unmöglich zu sein, dass so transparente [a priori] Wahrheiten in den Verdacht der Falschheit geraten.» (ibidem)

An dieser Stelle von Descartes Meditation kommt ein boshafter Genius (böser Geist) ins Spiel:

«Ich will daher voraussetzen, nicht der wohlmeinendste Gott, die Quelle der Wahrheit, sondern irgendein boshafter Genius, ebenso allmächtig wie verschlagen, setze all seine Hartnäckigkeit darein, mich zu täuschen.» (ibidem)

Nun könnte man sagen, es sei schlicht riesiger Quatsch, es gäbe ja wohl kaum einen bösen Geist. Das Problem: Weder die Existenz noch die Nichtexistenz einer Gottheit/eines Geistes lässt sich beweisen (siehe dazu das Philosophische Gedankenexperiment «Teekanne» auf SRF Kultur Sternstunde (unten verlinkt)).

Descartes kommt darum zu seinem berühmten Schluss:

«Zweifelsohne bin ich selbst also, wenn er [der Genius malignus] mich täuscht; und er möge mich täuschen, soviel er kann, niemals wird er bewirken, dass ich nichts bin; so dass schliesslich, nachdem ich es zur Genüge überlegt habe, festgestellt werden muss, dass dieser Grundsatz ‘Ich bin, ich existiere, sooft er von mir ausgesprochen oder durch den Geist begriffen wird, notwendig wahr ist.» (ibidem)

Gemäss Descartes gibt es also genau eine Sache, die zweifelsfrei bewiesen werden kann: Dass es ein Ich gibt, welches über all diese Dinge nachdenken, zweifeln kann.

Doch sind wir hier fertig? Ist es tatsächlich unmöglich, noch weitere Entitäten als unzweifelhaft festzumachen? Wie ist es beispielsweise mit der Zeit? Denn wenn es ein Ich gibt, das denken kann, muss dann nicht auch ein Gedanke existieren? Und hat ein Gedanke nicht einen Anfangspunkt (t1) und einen Endpunkt (t2)? Und gibt es zwischen t1 und t2 nicht eine Zeitspanne ( Delta-t)?

Fortsetzung folgt …

Link Teekanne: https://www.youtube.com/watch?v=TwnWnl3kf1I&t=15s

Quelle: René Descartes, Meditationen, Felix Meiner Verlag Hamburg

Bild: Илья Мельниченко

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert