
Unentschlossenheit ist zutiefst menschlich. Denn: Entscheidungen fällen ist kognitiv und emotional anstrengend. Und unser Gehirn vermeidet unnötige Anstrengung. Zu viel Energie wird dabei verbraucht, etwas, was das «System Mensch» aus überlebenstaktischen Gründen zu reduzieren versucht. Zumindest in Zeiten knapper Ressourcen, wie sie für unsere Vorfahren typisch waren.
Heute allerdings hängt der Unentschlossenheit ein eher negativer Ruf an. Müssiggang wird in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht gern gesehen. Hier zählen 100% Einsatz und Leistung. Wachstum ist das Mass aller Dinge. Wer Pause macht, wird abgehängt. Gemäss dieser Auffassung muss der Mensch – insofern er erfolgreich sein möchte – in der Lage sein, ad-hoc-Entscheidungen zu treffen. Immer und überall.
Das Problem? Der Mensch ist nicht für diese Flut an Optionen gemacht, wie sie uns unsere Umwelt bietet. In Sartres Worten: «Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt – und zögert oft, weil er die Verantwortung fürchtet.» Studien zeigen: Zu viele Wahlmöglichkeiten überfordern uns. 30 Joghurtsorten im Supermarkt? Das Ergebnis ist oft Entscheidungsmüdigkeit – und am Ende kauft man gar nichts. Fünf Sorten hingegen? Plötzlich fällt die Wahl leicht. Weniger ist mehr – doch unsere Gesellschaft feiert genau das Gegenteil.
Es gilt: Keine Prokrastination, kein Hinauszögern. Unentschlossenheit und Unsicherheit wird oftmals als Charakterschwäche missinterpretiert. Dabei ist das unsicher und unentschlossen Sein oftmals sogar äusserst klug. Denn welcher Mensch ist in der Lage, sich so viel Wissen aneignen zu können, dass er stets richtig entscheiden kann?
Womit wir allerdings schon beim nächsten Problem sind: Was ist überhaupt richtig? Und wer hat das Recht, darüber zu urteilen, was richtig und was falsch ist? Warum nicht die eigene Unsicherheit anerkennen und annehmen? Sie ist ein Zeichen dafür, dass es gelingt, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Eigene Ansichten in Frage zu stellen. Und: Wie oft haben Unsicherheit und Unentschlossenheit womöglich dazu geführt, dass schlechte Entscheidungen eben nicht getroffen wurden? Zögern kann durchaus ein Segen und Raum für Kreativität sein.
Wenn Sie also das nächste Mal jemandem begegnen, der charismatisch und selbstbewusst auftritt, auf jede Frage eine Antwort parat hat und behauptet, stets innovativ und effizient zu sein, – seien Sie skeptisch. Es handelt sich vermutlich um eine gut einstudierte Masche. Eine Masche, mit der man im Leben erstaunlich weit kommen kann.
Kennen Sie den von den Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschriebenen Dunning-Kruger-Effekt? Er besagt, dass paradoxerweise die inkompetentesten Menschen ihre Fähigkeiten am stärksten überschätzen – während wirklich Kompetente oft an sich selbst zweifeln. Denken Sie an Donald Trump: Ein Mann, der offensichtlich inkompetent ist, Fakten ignoriert und Lügen wie andere Atemluft verbreitet – und trotzdem Präsident der USA wurde. Man muss jedoch nicht bis ins Präsidialamt schauen – solche Akteure tummeln sich leider überall: in der kommunalen Politik, am Arbeitsplatz und manchmal sogar im eigenen Freundeskreis.
Bild: Julian Gentile